Kurzes Vorwort:
Es handelt sich hier um eine längere Geschichte aus 10 Teilen die ich hier alle posten werde.
Bitte nur lesen, wenn euch längere Geschichten interessieren, wo es nicht ausschließlich um das eine geht, sondern auch Handlung und Gefühle eingebaut wurden. Wer nicht warten will weiter zu lesen, kann dies auf meine(minus)romane(punkt)de tun , wo die Geschichte schon komplett steht. Sowie alle anderen Erotikgeschichten auch.

Lisa – Kapitel 1

Wurzel aus X auf beiden Seiten, dann komme ich auf …‘, ich tippte die Werte in den Taschenrechner ein: ‚0.2366 cm‘. Das konnte doch nicht stimmen. Ich sah hilflos auf und in die Gesichter meiner Klassenkammeraden, als ob mir das jetzt irgendwie helfen würde.

Auf der Uhr zeigte der Minutenzeiger schon 5 nach halb an. Also hatten wir gerade noch einmal 25 Minuten Zeit, bis die Klausur abgegeben werden musste. Von den 5 Aufgaben hatte ich bis jetzt gerade einmal zwei gelöst. Ich war echt mal kein Genie in Mathe. Bei weitem nicht. Bei den beiden ersten Aufgaben hatte ich ein gutes Gefühl gehabt. Da kamen zwei gerade Zahlen als Ergebnis raus. Aber hier, bei Nummer drei: ‚0.2366cm‘, dass konnte nicht stimmen, oder?

Ein Zentimeter waren zehn Millimeter, also sollte der Durchmesser eines Baums wirklich nur 2.3 Millimeter dick sein? Das konnte schon rein logisch nicht stimmen und Herrn Köster war Logik in seinen Textaufgaben immer wichtig gewesen.

Ich sah mir noch einmal die Aufgabe an und suchte nach einem Fehler, jedoch verbrachte ich weitere fünf Minuten damit, ohne irgendwas zu sehen, was mir selber als falsch vorkam. Ich stützte meinen Kopf auf eine Hand, so dass mein Arm die direkte Sicht auf Herrn Köster versperrte und wandte mich etwas zu meiner besten Freundin zu, die am Tisch neben mir saß.

Sie schrieb fieberhaft etwas auf ihr DIN A4 Blatt und ich musste zweimal leise husten, bevor sie aufsah und merkte, dass ich sie anblickte. Anja war nun auch nicht unbedingt ein Mathe-Ass, aber mehr als ich, konnte sie allemal.

„Aufgabe drei!“, flüsterte ich ihr zu und Anja verdrehte die Augen abfällig. Einen Augenblick dachte ich schon, sie würde einfach weiter rechnen, ohne auf mich und mein Problem einzugehen, dann aber zog sie einen kleinen Zettel aus ihrer Mappe und begann darauf herumzukritzeln, wobei sie immer wieder auf ihr eigenes Blatt sah. Irgendwann faltete sie das Blatt zusammen und sah auf. Herr Köster saß auf seinem Stuhl und beobachtete gerade Phillip, der in der Reihe vor uns, ganz links, saß. Eine schnelle Bewegung würde er so sicherlich mitbekommen. Das war offenbar auch Anja klar, denn sie unterließ es, mir den Zettel jetzt einfach zuzuwerfen.

Als Sarah hinter uns plötzlich aufzeigte, sahen wir unsere Chance gekommen. Herr Köster stand auf, ging zwischen mir und Anja entlang und stellte sich hinter uns an Sarahs Tisch. Ich fragte mich noch, während Anja sich zu mir herüberlehnte, warum ausgerechnet Sarah Hilfe benötigte. Die Klassenbeste ‚scheiß‘ Streberin die niemand leiden konnte, brauchte doch sonst nie Hilfe.

„Lisa und Anja schummeln!“, war der Satz, der mich augenblicklich in Schockstarre verfallen ließ. Mit Anjas Zettel in der Hand, fühlte ich die ruckartige Bewegung von Herrn Köster hinter mir. Anja war in diesem Punkt ganz anders als ich. Wenn ich am liebsten bei Aufregung den Kopf in den Sand steckte, ging Anja auf Konfrontation.

„Hast du n Knall? Sie hat mich nach einem Taschentuch gefragt! Das wird ja wohl noch erlaubt sein, oder?“

„Du hast ihr aber gerade kein Taschentuch gegeben, hab ich genau gesehen, Anja!“, erklärte Sarah streng. Anja warf Sarah einen eiskalten Blick zu und sagte dann kühl: „Sarah … wenn du die nächste Pause nicht mit dem Kopf im Klo verbringen willst, dann halt deine …“

„Hey … was sind denn das hier für Töne?“, unterbrach Herr Köster Anja scharf und trat nun zwischen uns: „Also … was ist hier los? Habt ihr geschummelt?“

„Natürlich nicht!“, erklärte Anja sofort überzeugt. Herr Köster achtete aber nicht auf sie sondern blickte zu mir: „Lisa?“

Mir rutschte das Herz in die Hose und ich war nicht im Stande zu antworten. Daher trat Herr Köster nun direkt zu mir. Meine Faust schloss sich so fest um den kleinen Zettel in der Hand, dass die Knöchel weiß hervortraten.

„Lisa … was ist hier passiert?“

Ich schloss die Augen und hörte wie in weiter Ferne Anja erklären: „Sie hat mich nur nach einem Taschentuch gefragt, ehrlich.“

„Wo ist das Taschentuch? Kann ich es mal sehen?“, fragte Herr Köster mich freundlich auffordernd.

Als ich mich wieder nicht rührte, erklärte Anja schnell: „Ich hab es ihr ja nicht mal gegeben. Sie hatte mich nur gefragt.“

„Lüge!“, erklang Sarahs Stimme von hinten: „Anja hat ihr einen Zettel gegeben, jetzt gerade!“

Anja fuhr herum und hätten Blicke töten können, hätte Sarah die nächsten Sekunden nicht mehr erlebt. Ein paar andere aus der Klasse machten nun ebenfalls ihrem Unmut gegenüber Sarahs Gepetze Luft, so dass sie eingeschnappt die Arme verschränkte und sich zurück in ihren Stuhl sinken ließ.

„Hast du da was in deiner Hand?“, fragte Herr Köster mich gleich darauf.

Ich schüttelte den Kopf.

„Machst du sie mal auf?“, fragte er freundlich.

Ich schüttelte wieder den Kopf.

„Lisa … bitte öffne deine Hand.“, forderte mich Herr Köster nun freundlich, aber schon mit einem strengeren Unterton, auf. Ich ließ resigniert die Schultern sinken und öffnete langsam die Faust.

Herr Köster nahm den Zettel daraus und faltete ihn langsam auseinander. Widerstandslos sah ich zu, wie sich vermutlich die Note meiner Klassenarbeit in Sekunden von einer vermutlich „guten 4“ zu einer „Täuschungsversuch 6“ entwickelte.

Jedoch kam es nicht dazu. Bevor Herr Köster dazu kam das zu lesen, was auf dem Zettel stand, sprang Anja auf und riss ihm den Zettel aus der Hand. Eher Herr Köster reagieren konnte, stopfte sie ihn sich in den Mund und schluckte.

Fassungslos – genau wie ich – starrte Herr Köster Anja an, die nun neben ihm stand und mir einen Blick zuwarf den ich kaum deuten konnte. Es war so eine Art Ich-Opfere-Mich-Für-Dich-Blick.

„Bist du wahnsinnig?“, fragte Herr Köster eher irritiert als böse, was zweifelsohne daran zu liegen schien, dass er noch nicht vollends begriffen hatte, dass Anja tatsächlich den Zettel aufgegessen hatte.

In der Klasse war es übrigens totenstill geworden. Es dauerte geschlagene 5 Sekunden, bis Herr Köster Anjas Unterlagen nahm und einsammelte. Dann drehte er sich zu mir herum und griff ebenfalls nach meiner Klassenarbeit.

„Wir haben nicht geschummelt!“, setzte Anja an, doch Herr Köster glaubte ihr natürlich kein Wort. Anja versuchte es nochmals, als Herr Köster bereits mit unseren Arbeiten auf dem Weg zurück zu seinem Pult war.

Er reagierte gar nicht. Anja, die sich noch nicht gesetzt hatte, ging los und holte ihn am Pult ein: „Herr Köster … wir haben nicht geschummelt. Ehrlich!“

„Setz dich Anja, oder ihr habt gleich noch einen Verweis im Klassenbuch stehen. Beide“, sagte Herr Köster streng. Eigentlich war Herr Köster nie streng, aber Anja hatte mit ihrer Aktion gerade seine Autorität untergraben. Wenn er das einfach so zuließ, würde ihm die ganze Klasse bald auf der Nase tanzen.

„Herr Köster … darf ich sie einmal unter vier Augen sprechen? Bitte!“, versuchte Anja es wieder und diesmal, hätte sogar ich ihr abgekauft, dass wir wirklich nicht geschummelt hatten, auch wenn ich ja wusste, dass es nicht so war. Herr Köster blickte zu Anja auf, schüttelte dann mit dem Kopf und zeigte auf ihren Platz: „Setzen sie sich, Frau Schumacher. Letzte Aufforderung.“

Er nannte Anja plötzlich Frau Schumacher. Jetzt musste auch dem letzten in der Klasse klar geworden sein, dass die Situation richtig ernst war. Noch niemals hatte Herr Köster jemanden von uns mit dem Nachnamen angesprochen. Das lag sicherlich auch daran, dass wir ihn bereits seit 5 Jahren in Mathe hatten. Trotzdem …niemals hatte er irgendwen mit dem Nachnamen angesprochen.

Anja war auch wie vor den Kopf gestoßen, stützte sich am Lehrerpult auf und beugte sich zu Herrn Köster hinunter. Was sie sagte, konnte niemand verstehen, aber es zeigte offenbar Wirkung. Zumindest unterbrach Herr Köster sie nicht, sondern wartete ab, bis Anja ihre Ausführungen beendet hatte.

Dann seufzte Herr Köster laut auf und erhob sich wieder. Er blätterte in den Unterlagen und fischte ein paar Seiten heraus. Dann stand er auf und kam zu mir. Ohne Kommentar legte er mir meine Klausur wieder auf den Tisch: „Mach weiter, Lisa.“

Dann drehte er sich wieder zu Anja um, deren Gesicht ich jetzt sehen konnte. Anja lächelte mir kurz zu, dann wurde sie wieder ernst, bevor Herr Köster sich wieder zu ihr umgedreht hatte.

Sie setzte sich wieder, bekam aber ihre Klausur nicht zurück. Ich wollte natürlich wissen, was genau das hier eben für eine Aktion gewesen war. Obwohl mich Herr Köster zweimal aufforderte weiterzuarbeiten. Schaffte ich es nicht mal meine Ergebnisse von eben zu überprüfen. Als es dann klingelte, hatte ich nicht mal eine neue Aufgabe angefangen.

Herr Köster sammelte die Klassenarbeiten ein und sprach nicht mal mehr ein Wort mit Anja, die wortlos aufstand und das Klassenzimmer verließ. Ich sputete mich ihr hinterherzukommen und holte sie schnell auf dem Flur ein.

„Was bitte war das gerade? Was hast du Köster gesagt, dass er mir die Klausur wiedergegeben hat.“

„Die Wahrheit“, erklärte Anja ernst und ich nickte ihr zu. Dann fragte ich: „Aber warum hatte er mir dann die Klausur wiedergegeben?“

Anja blieb abrupt stehen und musterte mich aus ihren grünen Augen: „Weil ich dir keine Lösungen auf den Zettel geschrieben habe. Ich habe nicht mal eine Aufgabe geschafft, Lisa. Wie soll ich dir da n Tipp geben können.“

„Wie … nicht eine Aufgabe. Wie meinst du das?“, fragte ich ungläubig.

Anja zuckte nur mit den Schultern: „Ich hab nicht gelernt. Ich habe Köster gesagt was auf dem Zettel stand und dass ich nicht mal in der Lage war, eine einzige Aufgabe zu lösen. Er hat dann nachgesehen, dass es wirklich so war und dir deine Klausur wieder zurückgegeben.“

„Okay …“, sagte ich dankbar, bevor mir plötzlich etwas ganz anderes in den Sinn kam: „Wenn du mir nicht die Lösung geschrieben hast … was genau stand dann auf dem Zettel?“

Anja sah mich eine Sekunde ausdruckslos an, dann ging sie einfach weiter den Flur entlang und ließ mich zurück. Total verwirrt blieb ich einfach stehen und starrte ihr hinterher, bis ich ihr wieder nachrannte: „Anja … was ist los? Was stand auf dem Zettel.“

„Egal!“, erklärte sie knapp.

Sie war offenbar sauer, dass sie wegen mir ihre Klausur nicht zu Ende schreiben konnte … wobei … sie hatte doch eben gesagt, dass sie eh keine Aufgabe geschafft hatte. Ich fasste sie am Arm und hielt sie fest: „Warum hast du nicht gelernt? Was ist denn in den letzten Tagen los mit dir. Du bist … so anders als sonst.“

Meine beste Freundin, die ich schon seit der ersten Klasse kannte, seufzte schwer und wandte den Blick ab: „Ich sag es dir … aber nicht jetzt. Treffen wir uns heute Abend bei Michello, dann erkläre ich dir was los ist, okay?“

Ich verzog den Mund und sah Anja unsicher an: „Sag es mir doch einfach …oder ist es was schlimmes?“

„Ich weiß nicht …“, begann Anja und warf sich dann ihre Tasche über die Schulter: „… wir sehen uns heute Abend bei Michello … um acht Uhr, ja?“

„Okay!“

Dann ließ mich Anja unbeholfen stehen, während sie das Schulgebäude verließ und ich noch sah, wie sie schnell über den Schulhof zu ihrem Rad rannte. Ich blieb noch eine Zeit einfach stehen und starrte ihr hinterher. Dann kamen ein paar meiner Klassenkameraden an mir vorbei, die mich nur stumm musterten.

Es war jetzt fast drei und die letzten beiden Stunden hatten wir die Klausur geschrieben. Die meisten anderen Schüler hatten bereits Schulschluss. Für mich ging es jetzt allerdings noch zum Sport LK. Gerade als ich mich umdrehte, kam mir Sarah entgegen, die sich scheu umsah. Mir war klar, nach wem sie suchte, doch Anja war schon auf dem Weg nach Hause.

„Du bist echt Kacke, Sarah!“, kommentierte ich ihre Aktion heute während der Klassenarbeit.
Nachdem Sarah sicher war das Anja nicht in der Nähe war, konterte sie: „Ihr habt gemogelt, das hab ich genau gesehen. Das ist unfair für alle anderen die selber gelernt haben.“

Ich lachte bitter auf: „Na und? Was ist so schlimm dabei, du schreibst ja doch immer nur einsen. Was kümmert es dich denn, wenn Anja mir bei einer Aufgabe hilft?“

Sarah schnaufte: „Das hebt den Schnitt an.“

„Ja und? Ist doch gut für die Klasse“, konterte ich.

Sarah verdrehte die Augen und ging an mir vorbei: „Wenn jeder schummelt und eine gute Note bekommt, dann ist meine eins doch viel weniger wert. Raffst du das echt nicht? Du bist so dumm Lisa.“

Kopfschüttelnd sah ich Sarah nach. Sie hatte sich mit der Aktion heute in der Klasse noch unbeliebter gemacht als sie ohnehin schon war. Ich konnte sie ohnehin schon nicht leiden, was aber mehr an der arroganten Art lag, wie sie ihre Nase immer hoch hielt, wenn sie mit einem sprach. Sie hielt sich definitiv für was Besseres und begründete das alles auf ihren guten Noten. Sonst hatte sie sicher nichts im Leben. Ach doch … ihre Katze, von der sie auf Facebook alle möglichen Bilder hochgeladen hatte – ‚Schnüffel‘ oder so, hieß das Vieh.

Der Sport-Leistungskurs verschaffte mir wenigstens eine Stunde einen freien Kopf. Danach musste ich andauernd an Anja denken, deren Verhalten mir ein großes Rätsel aufgab. Wenn wir uns nachher bei Michello – unserem Stammitaliener – auf eine Pizza treffen würden, hatte sie mir einiges zu erklären.

Anja war schon immer irgendwie sonderbar gewesen, aber trotzdem bisher immer direkt und offen. Dass sie mir etwas nicht sofort sagen wollte, fand ich bedenklich. Es musste irgendwas sein, was mich betraf, denn sonst konnte ich mir einfach nicht erklären, was genau sie dazu veranlassen würde, zu zögern mir einfach zu sagen was los war.

Wenn ich sagte, dass Anja sonderbar war, dann meinte ich damit, dass sie manchmal echt komisch sein konnte. Man bekam aber so was jedoch nur mit, wenn man sie länger kannte. Wenn man einfach mal zusammen am See lag und sich was von der Seele sprach, dann fabrizierte sie manchmal wirklich schräge Dinge im Kopf. Damals schlug sie vor, mit dem Wagen ihres Vaters eine Tour zur Nordsee zu machen, was von hier eine knappe Stunde Autofahrt bedeutete. Klar spinnen Mädchen einfach mal ein wenig rum, aber tatsächlich saßen wir ein paar Minuten später im Auto ihres Vaters auf dem Weg in den Norden – mit 15 Jahren.

Natürlich kamen wir dort nicht an, denn noch ehe wir das Meer erreichten, wurden wir von der Polizei erwischt. Die Aktion bescherte mir 3 Monate Stubenarrest, war aber ein super Beispiel dafür, wie Anja so drauf war. Sie ließ sich nichts verbieten und war immer für eine Überraschung gut. Allein, dass sie mit 15 Jahren ein Auto fahren konnte, war schon ungewöhnlich.

Aber genau das war es auch, was mich an ihr so faszinierte. Anja war das extreme Gegenteil von mir. Sie war extrovertiert, sprach immer sofort mit den Jungs auf Partys, hatte nie Probleme das zu bekommen was sie wollte, konnte jeden einfach immer überreden, das zu tun, was sie von jemandem verlangte. Es lag einfach an ihrer Art, an ihrem dominanten Auftreten. Dazu kam noch, dass sie wirklich extrem hübsch war. Sie hatte schulterlange blonde Haare, dazu diese zwei Smaragde als Augen, die funkeln konnten, wie ein Sternenhimmel. Dazu kamen dann noch ihre Brüste … die waren erstens größer als meine und zweitens standen die auch noch fest, als wäre es ihnen egal, ob sie von einem BH gehalten wurden oder nicht.

Meine Brüste waren wenn überhaupt, gerade mal ein B-Körbchen und im Vergleich zu Anja sah ich obenrum aus wie ein Junge. Gut – das war jetzt auch untertrieben. Natürlich trug ich einen BH, aber die meisten Mädchen in meiner Klasse hatten mehr Busen als ich. Seit dem ich 16 war, hatte ich auch aufgegeben mir einzureden, dass da je noch mal was passieren würde.

Hier beim Sport, war das allerdings super. Wenn ich mir Emma ansah, wie ihr bei jedem Sprung die ‚Glocken‘ läuteten, war ich wiederrum ganz zufrieden mit meinen kleinen zwei. Aber schon auf der nächsten Party war ich neben Anja wieder abgeschrieben. Dabei war ich ja nicht mal hässlich, aber eben eher der langweilige Typ. Dunkelbraune Haare, braune Augen, gerade mal 1,68 cm groß, da übersahen die Jungs mich gerne mal.

Ich duschte nach dem Sport nicht in der Halle mit den anderen Mädchen, weil ich das nicht mochte. Stattdessen fuhr ich mit dem Rad nach Hause und duschte da. Es war heute der 10. September und so heiß wie in den vergangenen Sommerferien. Auch deshalb wäre es sinnlos gewesen zu duschen, bevor ich zu Hause war.

Mein Papa hatte diese Woche Spätschicht im Krankenhaus und mein Bruder war auch nicht da. Ich nutzte die Gelegenheit eines männerfreien Hauses und ließ mir zur Feier des Tages sogar ein Bad ein. Dann nahm ich mir mein Smartphone mit ins Bad und schloss die Tür ab. Bei dem was ich jetzt vorhatte, war es mir zu unsicher zu hoffen, dass mein Bruder nicht doch plötzlich auftauchen würde. Nachdem das Badewasser eingelaufen war, zog ich mich aus und stieg in die Wanne.

Auf dem Smartphone suchte ich über Facebook das Profil von Leon raus und klickte auf Fotos. Er hatte von seinem Spanienurlaub ein ganzes Album hochgeladen. Viele Bilder zeigten ihn nur in Badehose am Strand. Während ich mir die Bilder ansah und das Handy mit der linken Hand festhielt, wanderte meine rechte Hand zielstrebig unter die Wasseroberfläche. Über den Bauch weiter hinunter spürte ich als erstes, dass es wieder Zeit war die Stoppeln da unten wieder wegzurasieren. Aber dazu hatte ich später noch Zeit. Jetzt gab es erst einmal nur Leon.

Die erste Berührung meines Mittelfingers am oberen Anfang meiner Spalte, löste schon das bekannte Schaudern in mir aus. Instinktiv atmete ich tiefer und öffnete in freudiger Erwartung den Mund – seufzte leicht auf.

Während ich mir die Bilder weiter ansah, ertastete mein Mittelfinger bereits unter Wasser, meinen Kitzler. Vorsichtig strich ich das erste Mal sachte mit der Fingerkuppe darüber und hielt kurz die Luft an, als sich ein Gefühl zwischen meinen Beinen ausbreitete, dass ich kurz die Augen zukneifen musste. Ich zwang mich wieder auf das Foto zu sehen in dem Leon – oder Leo wie wir ihn nannten – nur in Badehose am Strand Volleyball spielte.

Um es kurz zu machen, Leo war nicht mein Freund … nicht mal im Ansatz. Er wusste vermutlich nicht mal wirklich, dass ich existierte. Am einfachsten konnte man ihn beschreiben, wie einen dieser Quaterbacks auf einer US Amerikanischen Schule in diesen billigen Filmen. Er war einfach der begehrteste Junge der Schule und dazu auch noch seit den Sommerferien wieder Single. Aber all das würde mir nichts bringen. Leo war für mich so unerreichbar wie der Mond. Er würde sich niemals mit mir abgeben. Bis auf die Schule, hatten wir keine Verbindung miteinander, nicht mal einen gemeinsamen Freundeskreis der sich irgendwie überschnitten hätte.

Anja hatte einmal auf einer Party mit ihm gesprochen … nur gesprochen. Eine Woche lang war ich vor Eifersucht wie zerfressen und redete kein Wort mit ihr. Abrupt stellte ich die kreisende Bewegung meines Mittelfingers ein und schaute mir nicht mal mehr die Bilder an.
„OH NEIN!“, keuchte ich auf, als mir klar wurde, was Anja mir nicht sagen konnte. Leon war Single … Anja eines der hübschesten Mädchen auf der Schule. Wenn es etwas gab was mich so sehr verletzen würde, dass Anja es schwer fiel damit rauszurücken … dann DAS!

Sie wusste doch wie sehr ich ihn anschmachtete. Ich hatte ihr damals auch gesagt, dass ich total verschossen in Leo war. Wenn Anja wirklich was mit Leon hatte … oder schlimmer noch … sie mit ihm zusammen war. Ich würde sterben! Auf der Stelle würde ich sterben! Aber Anja würde ich vorher noch mitnehmen. Wie konnte sie es wagen???

Meine Lust mich zu streicheln war völlig von mir abgefallen und ich stieg von einer inneren Unruhe getrieben aus der Badewanne. Vor dem Spiegel blieb ich kurz stehen, bevor ich mir eines der Badetücher vom Haken nahm.

Für das was ich dort sah, musste ich mich nicht schämen. Ich war schlank, schlanker als Anja. Hatte eine sportliche, eher mädchenhafte Figur und mein Gesicht passte einfach zum Rest von mir. Meine Wangen waren von der Aktion in der Wanne noch leicht gerötet, was mich sehr frisch aussehen ließ. Ich lächelte mir im Spiegel zu … dann dachte ich wieder an Anja und Leon und ich hätte kotzen können.

Völlig in Gedanken, trocknete ich mich ab und zog mich an, merkte erst nachdem ich die Jeans bereits über den Knien hatte, dass ich mir mein Höschen falschrum angezogen hatte. Auch die Rasur hatte ich völlig vergessen… alles egal. Ich würde die Kraft brauchen, wenn ich Anja den Hals umdrehen würde.

Ich machte mich frisch und bereitete alles für ein Abendessen für Papa vor, dass er sich nur in den Ofen schieben musste. Seit dem Tod meiner Mama vor drei Jahren, hatte ich mir angewöhnt meinem Papa das Abendessen zu machen, wenn er Spätschicht hatte.

Mein Bruder war immer noch nicht da, was vermutlich daran lag, dass er mal wieder mit seinen bescheuerten Fußballfreunden rumhing. Also schrieb ich einen Zettel, dass ich mich mit Anja in der Stadt traf und verließ das Haus.

Mit dem Rad fuhr ich die paar Kilometer von meinem Vorort in die Innenstadt. Ich war viel zu früh, fast 30 Minuten. Unruhig stellte ich das Rad an dem Marktplatz ab und sah zu dem kleinen italienischen Restaurant hinüber.

Natürlich würde Anja noch nicht da sein. Sie kam immer mindestens fünf Minuten zu spät. Sie war einfach zu chaotisch und konnte überhaupt nichts organisieren. Wie gesagt, wir hätten unterschiedlicher nicht sein können, ergänzten uns aber super!

Sie war offen, ich verschlossen.
Sie war verträumt, ich eher realistisch.
Sie war blond ich brünett.
Sie war (eigentlich) gut in Naturwissenschaften, ich eher in Geisteswissenschaften.

Ich onanierte in der Badewanne und dachte an Leo … Sie schlief vermutlich bereits seit den Sommerferien wirklich mit ihm.

Bei dem Gedanken daran, wurde mir flau im Magen. Das war auch der Grund, dass sie seit dem ich aus dem Sommerurlaub aus Holland von meiner Tante zurück war, so seltsam drauf war. Also ging das schon seit mindestens drei(!) Wochen so.

Ich trat vor Frust gegen den Mülleimer, der neben den Fahrradständern stand, als mir plötzlich ein Fahrrad auffiel, das türkis in der Sonne glänzte. Augenblicklich sah ich mich um, aber von dem Besitzer fehlte jede Spur. War Anja doch bereits hier? Warum hatte sie sich dann erst jetzt mit mir verabredet? Ich trat zu dem Fahrrad und sah es mir genauer an. Es war eindeutig Anjas Rad.

Noch einmal sah ich mich um. Auf dem Marktplatz waren viele Menschen. Allein vor der Eisdiele stand eine große Traube Personen und wartete bis sie an die Reihe kamen. Plötzlich zuckte ich zusammen, als hätte mich ein Schlag getroffen. Ich erkannte Anja, auch wenn sie mir den Rücken zugewandt hatte. Sie trug dieselben Sachen, wie heute in der Schule und hatte noch ihre Schultasche dabei. Sie war gar nicht erst nach Hause gefahren.

Neben ihr … Leo. Mir wurde auf der Stelle schwindlig und ich schnappte nach Luft. Also tatsächlich. Ich beobachtete die beiden, von hier aus. Bis zu ihnen waren es bestimmt hundert Meter. Sie würden mich kaum bemerken, wenn sich Anja nicht noch einmal zu ihrem Rad umdrehen würde. Ich hätte es getan, aber wie gesagt … Anja war ganz anders als ich. Abgesehen davon, wäre mir an ihrer Stelle das Rad völlig egal.

Leo … sie war tatsächlich mit Leo zusammen. Wie um alles in der Welt konnte sie mir das antun. Sie wusste es doch … sie wusste, dass ich ihn …

Ich brach den Gedanken ab, als die beiden das ‚Michello‘ betraten. Vermutlich würden sie hinten in den Biergarten gehen. Perplex stand ich noch ein paar Sekunden umher, dann drehte ich mich zu meinem Rad herum und schloss es auf. Ich war schon wieder vom Marktplatz hinunter und auf dem Weg nach Hause, als ich wieder stoppte. Warum wollte Anja mich hier treffen? Um mir einen reinzuwürgen? Niemals! Wir waren wie Schwestern!

Und Leo war nicht mein Freund. Was wenn sie genauso für ihn empfand wie ich es mir aber nie getraut hatte zu sagen. War das nicht furchtbar egoistisch von mir? Vielleicht quälte sie sich ja schrecklich, weil sie Angst hatte es mir zu sagen. Wer sagte überhaupt, dass die beiden zusammen waren. Okay… sie gingen zusammen in ein Lokal, aber was hieß das heute schon?

Ich wendete das Rad wieder und fuhr zurück zum Marktplatz. Dort schloss ich es an und näherte mich langsam dem Restaurant.

‚Vielleicht … sollte ICH Leo hier treffen und Anja hatte es nur eingefädelt?‘, das wagte ich nicht zu träumen. Trotzdem blieb der Gedanke in meinem Kopf, bevor er jäh in Scherben zerfiel, als ich die beiden zusammen an einem Tisch sitzen sah – händchenhaltend.

Zumindest Anja schmachtete ihn verliebt aus ihren Smaragdaugen an, während er ihre Hand zärtlich streichelte. Obwohl Leo mit dem Rücken zu mir saß – Anja also mir zugewandt war – bemerkte sie mich gar nicht. Kein Wunder … all ihre Aufmerksamkeit war bei ihm.

Dann überkam mich Wut. Das erste Mal seit langem, war ich stinksauer. Es überkam mich einfach so, wie Heißhunger auf Pizza, wenn man nachts um 3 nach einer Kneipentour vor einem Pizzaladen stand und den Geruch in die Nase bekam. Normalerweise war ich weder jemand der zu spontanen Szenen neigte, oder sonst laut wurde, aber hier und jetzt, war mir einach alles zu viel.

Anja saß händchenhaltend und schmachtend vor dem Jungen, in den ich seit mindestens drei Jahren heimlich verknallt war. Mit wenigen Schritten war ich an ihrem Tisch und knallte mit der Faust so heftig auf die Holzplatte, dass die Biergläser bedenklich wippten: „Du bist eine blöde Schlampe! Du weißt ganz genau …dass ich … was ich darüber denke! Wie kannst du das tun? Hast du nicht den Funken Anstand? Und du Arschloch …“

Mir blieb die Stimme weg, als ich mich nun auch zu Leo umdrehte … der gar nicht Leo war. Als ich begriff wer da vor mir saß, klappte mir der Mund auf und ich trat einen Schritt vom Tisch zurück. Ich war so von Leo ausgegangen, dass ich überhaupt nicht daran gedacht hatte, dass dies vielleicht gar nicht Leo war. Von weitem hatte er schon Ähnlichkeit mit ihm. Kurze braune Haare und die coolen Klamotten passten auch zu ihm, aber … alles andere an ihm, sah eher so aus wie bei mir. Dieselben Augen, dieselbe kleine Stubsnase …sogar dieselbe Adresse …

„Du …???“, brachte ich noch hervor, bevor Anja aufsprang und mich am Arm fasste. Vermutlich wäre ich sonst einfach umgekippt. Das war einfach zu viel. Ich bekam kaum Luft und nur am Rande mit, dass sich alle Menschen an den anderen Tischen zu uns umsahen… na ja… eher zu mir wegen meiner peinlichen Szene. Im ersten Augenblick war ich plötzlich froh, weil da nicht Leo bei Anja saß. Dann kam der Schock, als mir klar wurde, dass nicht Leo, sondern Jan, mein Bruder mit meiner besten Freundin hier saß und Händchen gehalten hatte.

Das erste was mir über die Lippen kam, war ein: „Wie lange geht das schon?“

Anja warf Jan einen vorsichtigen Blick zu, also wandte ich mich direkt an meinen Bruder: „Wie lange?“

Mein Bruder war drei Minuten älter als ich und anders als bei anderen Menschen, hatte ich bei ihm kein Problem, fordernd mit ihm zu reden.

„Drei Wochen…“, war die Antwort, die ich mir ja schon gedacht hatte, auch wenn ich da noch mit Leo gerechnet hätte. Ich schüttelte verwirrt den Kopf: „Wieso?“

Wieder tauschten die beiden einen besorgten Blick, dann zog mich Anja zu sich und fragte erst einmal: „Setz du dich mal, dann erzähle ich dir alles.“

Wie in Trance setzte ich mich und Anja und Jan, setzten sich ebenfalls wieder. Ich konnte nur ungläubig zwischen den beiden hin und her starren, so dass Anja – natürlich Anja – das Wort ergriff: „Als du weg warst … ich hab mir doch die DVD’s geholt.“

Ich sah auf und nickte: „Ja und?“

Anja zögerte kurz, dann sagte sie es einfach: „Dein Bruder war da … wir haben geredet … über die DVD’s, dich, die Schule und … “, sie zögerte noch mal und flüsterte dann mehr: „ … ich hab ihn einfach gefragt, ob er den Film nicht mit mir zusammen gucken wollte. Wir haben es nicht darauf angelegt. Ich wollte nur nicht allein gucken und er war die beste Alternative…“

„Aber du hasst ihn!“, rutschte mir unüberlegt heraus. Das war einfach so, seit dem ich denken konnte. Jan war früher echt lieb gewesen, aber dann kam er in die Schule und spätestens in der Pubertät haben wir begonnen uns nur noch anzuzicken. Damals war es immer er mit seinem besten Kumpel, gegen Anja und mich. Das war schon immer so gewesen. Klar, wir waren jetzt keine 14 mehr und ich kam mit Jan auch gut aus, aber Anja und er waren doch nie auf einen grünen Zweig gekommen. Darum schockte mich das hier umso mehr. Sie waren sich immer auf die Nerven gegangen und drückten sich teilweise echt gemeine Sprüche.

„Wir sind uns die Woche näher gekommen …“, gab nun auch mein Bruder zu. Ich konnte ihm ansehen, dass dies wohl das schrecklichste Gespräch war, seit dem er damals in der zweiten Klasse der Lehrerin erklären musste, dass er sich vor Lachen in die Hose gemacht hatte.

Anja und Jan … das passte nicht … das war doch ein Witz, oder?

Natürlich!

Ich lachte auf und sah Anja breit grinsend an: „Du blöde Schlampe!“, brach es plötzlich etwas vulgär aus mir heraus, weil ich einfach so geschockt gewesen war: „Ihr habt mich echt dranbekommen! Ich hätte es euch fast abgekauft!“

Niemand lachte … ich sah nur in zwei betroffene Gesichter. Daher wurde ich auch wieder ernst und fragte schließlich kleinlaut: „Also … echt jetzt?“

Beide nickten.

„Kann ich mal kurz mit Lisa allein reden … nur einen Moment?“, bat Anja plötzlich meinen Bruder. Allein die Art, wie sie ihn das fragte fand ich total unnatürlich. Niemals hatte ich Anja so mit ihm sprechen gehört, fast schon zärtlich.

Jan stand sofort auf, es war ihm anzusehen, dass er froh war, abhauen zu können. Langsam wurde mir auch klar, dass es vermutlich gar nicht beabsichtigt war, dass ich die beiden so zusammen sah. Ich war ja fast eine halbe Stunde zu früh dran gewesen.

Nachdem Jan fort war, fragte Anja mich gewohnt direkt: „Also … ist das okay für dich?“

Ich starrte sie einen Moment an, bevor ich fragten konnte: „Dir ist das ernst?“

Als Antwort nickte sie nur. Meine Gedanken begannen mir mein Hirn auseinander zu reißen, so schnell fuhren sie in meinem Kopf Achterbahn. Schließlich dachte ich das erste Mal daran, was dies wirklich für mich bedeuten würde. Daher fragte ich sofort, was mir am wichtigsten war: „Ändert das was zwischen uns?“

„Nein! Natürlich nicht …“, erklärte Anja sofort, bevor sie breit zu grinsen begann und anfügte: „… wobei ich vermutlich mit den Details in Zukunft sparsamer umgehen werde.“

Verdutzt blickte ich sie über den Tisch an, bis mir klar wurde, von was für Details sie sprach. Auf der Stelle verzog ich das Gesicht: „Bahhhh … auf keinen Fall will ich irgendwas darüber wissen was mit Jan im Bett … uhahhahahaha. Mir wird ganz anders.“

Tatsächlich fand ich den Gedanken total abstoßend mir anzuhören, wie mein Bruder wohl im Bett war. Anjas Lächeln verschwand von ihrem Gesicht und sie wurde auf der Stelle wieder ernst: „Wenn das für dich nicht okay ist, dann sag es jetzt. Noch glaube ich, würde ich es hinbekommen das Ganze zu beenden. Aber ich brauche jetzt deinen Segen dazu.“

„Du würdest die Sache beenden, wenn ich es wollen würde?“, fragte ich um sicher zu gehen, ob ich sie richtig verstanden hatte.

Sofort wurde Anja unruhig und ich hatte wieder Probleme zu verstehen, wie ihr nach all der Zeit, so viel an meinem Bruder liegen konnte. Ich schüttelte den Kopf: „Erklärst du es mir? Wieso Jan? Warum nach all der Zeit und wieso gerade er? Wieso mein Zwillingsbruder?“

„Ich … weiß es nicht. Vielleicht erinnert er mich ja irgendwie an dich“, versuchte Anja zu scherzen, was ihr aber selbst bewusst wurde, dass ihr das nicht gelang. Ich seufzte schwer, dann sprach ich ruhig und nachdenklich: „Ich glaube, ich hab irgendwie Angst davor, was das für uns bedeutet. Auch wenn du sagst es ändert nichts… “

Anja nickte und hörte mir weiter zu.

„Ich hab Angst davor, dass du dann Geheimnisse vor mir hast. Ich hab Angst davor, was passiert wenn ihr euch wieder trennt. Ich hab … vor allem Angst“, gab ich zu.

Anja stand auf, kam zu mir und hockte sich vor meinen Stuhl. Dann nahm sie meine Hände und drückte sie fest: „Ich weiß ja auch nicht wie es funktionieren wird, aber ich … bin verliebt. Wirklich verliebt. Du weißt, dass ich das noch niemals gesagt habe, ja?“

Ich nickte. Tatsächlich hatte sie das niemals gesagt. Bisher war es immer ‚witzig‘, ‚interessant‘ oder ‚aufregend‘ gewesen, wenn sie mal was mit einem Jungen hatte. Das sie verliebt war, war mir neu. Ich dachte an Leo und irgendwie war es mir lieber sie wäre mit Jan zusammen, als mit ihm.
„Ich dachte, als ich dich eben mit Jan gesehen hatte, es wäre Leo…“, erklärte ich für Anja völlig zusammenhangslos. Anja lächelte und nickte mir zu: „Ach deshalb eben der Ausraster? Ich dachte ich hätte mir nur eingebildet, dass du gesagt hättest, dass du was für Jan empfindest. Darum hast du dann auch kein Wort mehr rausbekommen, ja?“

Ich nickte und erwiderte ihr Lächeln, bevor ich schließlich sagte: „Es ist okay. Versucht es ruhig. Aber ich werde echt eine Menge Zeit brauchen, um das zu akzeptieren. Ihr passt irgendwie …“

Mehr bekam ich nicht raus, denn Anja schrie regelrecht auf, sprang mir um den Hals und küsste mich. Sie küsste mich auf die Lippen … mit ihren Lippen. Gut … das tun ja viele Freudinnen und ist eigentlich nichts Besonderes. Eigentlich, denn wir taten das nie. Hatten es noch nie getan und … würden es wohl auch nie wieder tun. Ihre Lippen waren weich und warm und sie blies bei dem Kuss heißen Atem aus ihrer Nase. Ich konnte feine Härchen auf ihrer Haut spüren und schloss instinktiv die Augen. All das, dauerte nur einen Sekundenbruchteil und so schnell ihre Lippen sich auf meine gelegt hatten, so schnell waren sie auch wieder fort.

„Ich sag es schnell Jan … bin sofort wieder da!“, rief sie glücklich und rannte zum Ausgang.
Ich saß immer noch mit geschlossenen Augen auf meinem Stuhl und drückte ganz vorsichtig meine Lippen zusammen. Strich mit der Zunge über deren Innenseite um zu prüfen, ob es irgendwie anders schmeckte. Da war nichts, kein anderer Geschmack, nichts was sich verändert hatte. Außer der Tatsache, dass mich das erste Mal in meinem Leben, jemand geküsst hatte. Peinlich, wenn man seinen ersten Kuss erst mit 17 bekommt, aber bisher hatte niemand die Gelegenheit genutzt.

Freilich … welche Gelegenheit denn bitteschön auch. Ich war Single und hatte keine Ahnung wie ich mit anderen Menschen reden sollte … erst recht mit Jungs. Außerdem interessierte mich eh nur der eine, bei dem ich keine Chance hatte.

Vorsichtig betastete ich meine Lippe mit den Fingern und fragte mich, ob das überhaupt als erster Kuss zählte. Wenn ja, war es doch irgendwie peinlich, diesen von einem Mädchen bekommen zu haben. Ich entschied, dass es kein richtiger Kuss war, denn alle die von ihrem ersten Kuss erzählt hatten, sprachen eigentlich von Zungenküssen. Also machte ich mal wieder aus einer Mücke den berühmten Elefanten.

„Kann ich dir noch was bringen?“

Ich riss erschrocken die Augen wieder auf und starrte den Kellner an, der vor mir stand und mich amüsiert musterte. Langsam ließ ich die Hand von meinen Lippen sinken und lächelte beschämt: „Ja, eine Apfelschorle bitte.“

„Blödsinn! Dreimal Sekt!“, hörte ich plötzlich Anjas Stimme hinter uns und der Kellner blickte mich fragend an. Ich nickte lächelnd und er entfernte sich wieder.

„Du bist nicht böse?“, fragte mein Bruder überrascht.

Ich schüttelte den Kopf: „Nein, warum sollte ich böse sein?“

„Na weil wir es dir drei Wochen nicht gesagt haben?“, fragte er und tatsächlich wurde mir diese Tatsache jetzt erst wieder bewusst. Anja gab ihm einen Klaps auf den Hinterkopf: „Jetzt bring sie noch auf Ideen, man!“

Jan lächelte verkniffen, zog mich vom Stuhl hoch und nahm mich dann in den Arm. Er küsste mich Gott sei Dank nicht und während er mich umarmte sah ich zu Anja, die hinter ihm stand. Eigentlich sah ich mehr ihre Lippen an … diese Lippen, die mich eben nur flüchtig berührt hatten. Trotzdem war es irgendwie schön gewesen. Ich wollte das noch mal machen! Also auf keinen Fall mit Anja, aber mit Leo zum Beispiel. Vielleicht sollte ich einfach mal versuchen, mich mit ihm zu verabreden.

‚So ein Schwachsinn! ‘, rief ich mich in Gedanken zur Ordnung. Das würde ich niemals machen. Ich würde eher vor Scham im Erdboden versinken, als Leo zu fragen, ob er mal mit mir ausgehen würde.

„Wirklich alles gut bei dir, Lisa?“, fragte mich Anja nun. Jan hatte mich schon wieder losgelassen und ich stand einfach nur da und starrte gebannt auf Anjas Lippen.

Ich nickte flüchtig und setzte mich wieder hin. Hätte ich damals gewusst wie dieser Abend enden würde, hätte ich sicher nicht den Sekt und die drei danach folgenden Biere getrunken.

So jedoch wurde ich langsam aber sicher lockerer und da ja niemand fremdes bei uns war, entspannte ich mich zusehends weiter. Als uns der Wirt dann noch drei Kurze aufs Haus brachte, war ich schon reichlich beschwipst.

Gegen 22 Uhr verließen wir unseren geliebten Italiener und schlenderten über den Markt. Ich versuchte mich schließlich zweimal aufs Rad zu setzen und wäre beim zweiten Anlauf fast in einen Graben gefahren. Anja ging es auch nicht besser und so beschlossen wir die Räder lieber zu schieben. Auf dem ganzen Weg pendelten meine Gedanken zwischen Anja und Jan auf der einen Seite und dem Kuss auf der anderen Seite. Immer wenn ich konnte, erhaschte ich einen Blick auf Anjas Lippen. Ich schämte mich für meine Gedanken die ich hatte. Ich war ja nicht lesbisch oder so. Aber trotzdem hätte ich sie jetzt einfach noch einmal gerne geküsst.

„Okay!“, brach sie plötzlich das Gespräch ab und blieb mit ihrem Fahrrad stehen. Ich fühlte mich sofort ertappt und sollte Recht behalten. Anja sah mich direkt an und fragte: „Was ist los, du starrst mich jetzt schon den ganzen Abend immer so seltsam an. Kommst du doch nicht wirklich damit klar, dann sag es mir jetzt!“

„Nein … alles gut!“, winkte ich schnell ab und hoffte damit die Sache aus der Welt zu schaffen. Anja jedoch ließ nicht locker: „Ehrlich Lisa, wenn du nicht willst, dass ich mit Jan zusammen bin, dann ist das …“

„Du hast mich geküsst!“, unterbrach ich sie einfach.

Anja starrte mich irritiert an, als wüsste sie nicht genau wovon ich rede. Ich setzte zu einer Erklärung an: „Eben bei Michello am Tisch…“

Anja erinnerte sich wohl und kratzte sich am Kopf: „Ja … aber … nur n Bussi. Ich weiß, dass du das nicht magst, aber … mir war eben einfach danach.“

Ich presste die Lippen zusammen. Das Thema war mir unangenehm und ohne den Alkohol hätte ich niemals zugegeben, dass dieser so unwichtige Kuss, für mich etwas Besonderes gewesen war.

„Entschuldigung…“, sagte Anja leise, die wohl fälschlicher Weise davon ausging, dass ich es schrecklich gefunden hatte. Meine wahren Gedanken hierzu wollte ich nicht erläutern. Nicht hier und nicht vor meinem Bruder. Aber wieso schloss Anja bloß, dass ich so was nicht mögen würde. Nur weil ich bisher noch nie geküsst worden bin?

„Schon okay …“, sagte ich schnell und dann schwiegen wir eine Zeitlang, bis Anja wieder stehen blieb. Ihre Augen funkelten in der untergehenden Sonne und sie hatte diesen Gesichtsausdruck, der uns immer wieder in Bredouille brachte.
Dann hob sie die Hand und zeigte auf die andere Straßenseite: „Wohnt da nicht Sarah, die kleine Ratte?“

Ich blickte auf, dann zuckte ich mit den Schultern, während Anja schon die Straße überquerte. Unter normalen Umständen wäre ich jetzt vermutlich besorgt, aber nach drei Bier, einem Sekt und einem Kurzen, war ich einfach nur neugierig was Anja jetzt vorhatte.

Sie lief zu der Haustür schaute auf das Klingelsc***d und kam dann schnell wieder zu uns zurück. Mit einem gehässigen Lächeln auf den Lippen grinste sie mir zu: „Jetzt bekommt unsere Streberin doch noch ihre Abreibung.“

„Was für eine Streberin und welche Abreibung?“, fragte Jan und Anja erklärte ihm, was in der Schule passiert war. Ich hatte ja schon erwähnt, dass Anja manchmal wirklich seltsam werden konnte. Meistens war ich es, die sie dann immer bremste, aber tatsächlich dachte ich zurzeit, wenn überhaupt, noch immer an diesen Kuss. Anja redete sich regelrecht in Rage, dass sie wegen Sarah die erste Klassenarbeit nach den Sommerferien in den Sand gesetzt hatte und nun für jede Mathearbeit extra lernen musste, damit sie die 6 in dem Jahr wieder ausgleichen könnte.

Dass sie die Klausur auch ohne Sarah in den Sand gesetzt hätte, weil sie ja offenbar überhaupt keine Aufgabe gelöst hatte, erwähnte sie vor Jan nicht mal. Typisch Anja!

„Also, was machen wir?“, fragte Anja grinsend und rieb sich die Hände. Ich schwieg, weil ich nicht wieder als die ‚unlustige‘ betitelt werden wollte. Ich hoffte, mein Bruder würde etwas in der Richtung sagen, aber er zuckte nur mit den Schultern.

Anja verdrehte die Augen, dann sah sie sich um und nahm einen faustgroßen Kieselstein in die Hand und wog ihn hin und her. Ich sah ungläubig auf den Stein: „Anja, lass den Scheiß! Lass uns einfach weitergehen!“

Jetzt erntete ich genau jenen Blick, den ich vermeiden wollte. Der Blick, der mich als ‚unlustig‘ abstrafte. Trotzdem ließ Anja den Stein nun fallen und kommentierte die Aktion: „Ist noch zu hell, aber irgendwann …“

Weiter kam sie nicht mehr, denn genau in dem Moment ging die Haustür auf und ein Mann, dann eine Frau – wohl Sarahs Eltern und ein kleines Mädchen von vielleicht 10 Jahren verließen das Haus. Hinter ihnen tauchte Sarah auf, die jedoch in der Tür stehen blieb und zusah, wie der Rest ihrer Familie sich ins Auto setzte.

Der Wagen verließ die Einfahrt und rollte auf die Straße. Sarah winkte ihrer Familie noch hinterher, dann schloss sie die Haustür wieder und es wurde wieder ruhig auf der kleinen Straße.

„Kommt, gehen wir…“, schlug ich vor, doch Anja schüttelte den Kopf: „Ich hab ihr was versprochen, dieser selbstsüchtigen kleinen Schlampe. Also ich werde ihr jetzt meine Meinung sagen. Kommt ihr mit?

Ich öffnete den Mund und sah Anja wortlos hinterher, wie sie langsam wieder über die Straße ging. Ich sagte kein Wort, schaute nur hilfesuchend meinen Bruder an. Der war aber genau wie ich eher unsicher wie er nun reagieren sollte. Schließlich zuckte er nur nochmal mit den Schultern und erklärte: „Na lass sie ihr doch die Meinung sagen…“

Ich presste die Lippen zusammen. Das war nicht gut. Anja konnte echt übel sein, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlte. Außerdem mochte sie Sarah sowieso nicht und sie hatte dazu noch ganz schön was getrunken. Ich lief schnell über die Straße und holte Anja noch vor der Haustür ein: „Warte mal … glaubst du nicht, dass es eine blöde Idee ist.“

„Wieso? Weil ich der blöden Schlampe mal meine Meinung geigen will?“

Ich nickte: „Muss es denn jetzt sein?“

„Jetzt ist so gut, wie jeder andere Moment auch“, erwiderte sie und drückte den Klingelknopf. Jan war mittlerweile zu uns gekommen und als die Tür geöffnet wurde, strahlte uns Sarah für einen Augenblick an: „Na was habt ihr vergess…ohhhh!“ Sie ging wohl davon aus, dass ihre Familie zurückgekommen wäre. Als sie ihren Fehler erkannte, sah sie uns besorgt an und schlug die Tür wieder zu. Besser gesagt, sie versuchte es, doch Anja hatte ihren Fuß bereits dazwischen.

Jetzt muss ich ja leider gestehen, dass ich in Mathe und Physik, wie jeder weiß, kein Genie war. Aber auch so war mir klar, dass der Schwung einer massiven Haustür, gegen einen Mädchenfuß in Sneakers ein unfaires Aufeinandertreffen war.

Anja schrie laut vor Schmerzen auf und warf sich mit der Schulter gegen die Tür, die nun wieder aufschwang. Sarah, halb überrascht, halb bestürzt wegen Anjas Fuß, hielt sich die Hand vor den Mund und starrte auf Anja, die ihren Fuß hob und fest mit der Hand drückte.

„Sorry … das wollte ich nicht! Wieso stellst du auch deinen Fuß da hin?“, fragte Sarah.

Anja funkelte sie böse an, dann setzte sie den Fuß wieder auf den Boden und belastete ihn vorsichtig: „Bist du bescheuert mir die Tür gegen den Fuß zu schlagen?“

„Warum stellst du ihn denn auch dazwischen? Bist du dumm, oder so?“, fragte Sarah nun deutlich arroganter.

Dann ging alles ganz schnell. Anja machte einen Schritt auf Sarah zu, packte sie am Kragen ihres Poloshirts und drückte sie gegen die Tür: „Wer ist hier dumm? Weißt du was? Du kotzt mich an mit deiner beschissenen Arroganz. Denkst du, du bist was Besseres als wir?“

Sarah war klug genug darauf nicht zu antworten, aber ihr Blick – zumindest der Teil der nicht panisch auf Anja schaute – zeigte was sie von uns hielt: „Lass mich los und verschwinde. Raus hier. Ich will, dass ihr geht.“

„Ach … die feine Dame möchte, dass der Pöbel das Anwesen verlässt, ja? Na dann versuch doch mich rauszuwerfen. Wenn du ja so was Besseres bist als wir, dann sollte dir das ja auch gelingen, oder nicht?“

Tatsächlich fasste Sarah Anjas Arme an ihrem Kragen und versuchte diese vom Stoff ihres Shirts zu lösen. Anja lachte nur und dann gab sie Sarah eine schallende Ohrfeige mit der rechten Hand. Ich zuckte zusammen, als hätte Anja mir eine gescheuert. Sarah verzog nicht mal das Gesicht sondern blickte eher erstaunt auf Anja. So, als verstand sie nicht was hier gerade passiert war.

„Du … du … hast mich geschlagen … dafür … dafür fliegst du von der Schule!“, stotterte Sarah die immer noch nicht wirklich zu begreifen schien, was hier gerade passierte. Ehrlich gesagt, verstand ich es auch nicht und langsam begann ich mir wirklich Sorgen zu machen.

Natürlich würde Anja für diese Aktion nicht von der Schule fliegen, aber Ärger würde es sicherlich geben. Sarah würde das jedenfalls ihren Eltern erzählen und die würden sich vielleicht wirklich an die Schule wenden.

„Anja … komm … lass gut sein … sie hat es begriffen.“

„Gar nichts hat sie begriffen!“, zischte Anja wütend und funkelte mich mit ihren grünen Augen ernst an. In genau diesem Moment riss sich Sarah los und trat Anja so fest sie konnte in die Seite, womit diese nicht gerechnet hatte. Anja verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Sarah rannte zur Haustür, also genau auf uns zu. Eigentlich wollte ich nichts machen, aber plötzlich fing sie laut an um Hilfe zu schreien. Ich drehte mich schnell um, doch niemand war da, der sie so hätte hören können. Trotzdem war die Situation echt stressig. Was dann allerdings passierte, hätte ich mir in meinem schlimmsten Albtraum nicht ausmalen können. Bevor Sarah an mir vorbeirennen und das Haus verlassen konnte, sprang mein Bruder vor und versetzte ihr einen Schubs, dass sie mit rudernden Armen erst gegen den Türrahmen prallte und dann auf den Boden fiel.

Noch ehe ich oder Jan dann reagieren konnten, hatte sich Anja wieder aufgerappelt und stürzte sich auf Sarah, die gerade wieder auf die Knie gekommen war. Anja legte ihr einen Arm um den Hals und drückte so fest zu, dass sich aus Sarahs Kehle nur noch ein geschockter Schrei lösen konnte.

„Halt die Fresse, Sarah, sonst fängst du dir noch eine, klar?“

Sarah hielt aber nicht ihre ‚Fresse‘, stattdessen versuchte sie sich aus Anjas Griff zu winden und weiter um Hilfe zu rufen.

„Lisa … schnell, kommt rein und mach die Tür zu, bevor die Kleine hier noch irgendwer hört“, keuchte Anja, die sich ganz schön anstrengen musste, Sarah im Schwitzkasten zu halten. Doch anstelle das ich es tat, war es Jan, der die Tür schloss, nachdem er mich mit ins Haus gezogen hatte.

Ich starrte auf Anja und Sarah die beide auf dem Boden saßen. Sarah hatte Panik, das konnte ich sofort sehen. Ich mochte sie auch nicht, aber das hier war schon viel zu weit gegangen.

„Anja …das reicht … lass sie los!“, forderte ich sie auf.

Anja jedoch ließ sie nicht los, so dass ich mich zu meinem Bruder umwandte und ihn aufforderte: „Jetzt mach was, das gibt sonst nur Probleme!“

Jan sah nun ebenfalls zu den beiden auf den Boden und schüttelte dann den Kopf: „Was soll ich machen … lass die beiden das doch unter sich ausmachen.“

„Bitte?“, fragte ich fassungslos und trat dann selbst zu Anja und Sarah. Kraftvoll packte ich Anjas Arm und riss ihn von Sarah weg, die sich sofort aufrappelte und bereit machte wegzurennen. Sie unterließ den Versuch sofort, als ich mich vor sie stellte. Ich war nicht groß, aber durchtrainiert. In Sport konnte mir kaum einer das Wasser reichen und das wusste auch Sarah. Bevor Anja neben uns auf die Beine kam und mich ansah, als hätte ich gerade unsere Freundschaft verraten, sprach ich schon: „Sarah… Anja … jetzt reicht es wirklich. Du hältst die Klappe und Anja, du lässt den Mist jetzt bleiben.“

„Die hat noch eine Abreibung offen … hast du nicht gesehen wie sie mich getreten hat?“, fragte Anja missmutig. Ich nickte, sagte jedoch: „Klar, nachdem du ihr eine Ohrfeige gegeben hast. Ihr seid quitt und wir sollten jetzt gehen.“

Dann drehte ich mich zu Sarah um: „Besser du vergisst das einfach alles. Wenn du das deinen Eltern erzählst, dann bekommst du ein echtes Problem.“

„Mit dir?“, fragte Sarah und ich hätte es fast schon als frechen Kommentar gewertet, wenn sie nicht eindeutig ängstlich aussah. Ich nickte ihr zu: „Mit uns allen! Also wie schon gesagt, vergiss das hier einfach und …“

Anja tauchte neben mir auf und unterbrach mich: „Wegen dieser blöden Ziege hab ich jetzt echt ein Problem mit Mathe! Das soll ich jetzt einfach sitzen lassen? Sie hat uns verpetzt und fast hättest auch du ne 6 geschrieben.“

„Und was willst du machen? Sie verprügeln?“, lachte ich nun auf und sah Anja ironisch an.

Anja sah etwas unschlüssig zwischen mir und Sarah hin und her. Schließlich seufzte sie ärgerlich und schüttelte den Kopf: „Aber wir könnten sie ein bisschen quälen …“

Mir war klar, dass Anja das nicht wirklich meinte. Klar … sie war manchmal schon seltsam drauf, aber das würde sie nicht machen. Trotzdem zuckte Sarah unwillkürlich zusammen und erklärte schnell: „Wenn ihr jetzt geht, dann sag ich niemandem, dass ihr hier wart. Wirklich nicht.“

Tatsächlich glaubte ich ihr, dass sie es in diesem Moment ernst meinte. Aber was wäre, wenn sie sich in ein paar Minuten wieder in Sicherheit wog. Trotzdem hatten wir keine andere Wahl. Außerdem waren wir zu dritt und wir würden alle sagen, dass wir nichts gemacht hatten. Ich griff Anja am Ärmel und zog sie zurück zur Tür. Mein Bruder öffnete die Haustür und wir verließen das Haus.

Draußen drehte ich mich noch einmal zu Sarah herum und sagte leiser: „Im Ernst Sarah … ändere dich, sonst wirst du nie Freunde finden.“

„Verpisst euch!“, sagte sie so, dass nur ich es hören konnte. Ich schüttelte den Kopf: „Du kannst mich mal!“ Dann schlug ich wütend die schwere Tür zu.

Ich hörte im selben Moment einen panischen Schrei von drinnen und als die Tür zuschlug, machte es nicht das normale Geräusch von einem zuschnappendem Schloss, sondern ein seltsames Knirschen, was ich überhaupt nicht zuordnen konnte. Erst als ich ein grauenhaftes Röcheln hörte, blickte ich nach unten und sah, was passiert war.

Eine schwarze Katze – eindeutig Sarahs, die sie immer in Facebook postete – hing genau dazwischen. Aus dem kleinen Maul, dass weit offen stand, floss auf der Stelle ein Schwall Blut. Auch ohne Tierärztin zu sein, war mir klar, dass diese Katze den Tag nicht mehr überleben würde. Die Tür, die durch die Katze nicht ganz zugeknallt war, wurde von innen wieder aufgerissen und sofort stürzte Sarah zu ihrer Katze und nahm sie in die Arme.

Dass ihre Hände dabei ganz rot wurden, kümmerte sie scheinbar gar nicht. „Oh Kacke!“, fluchte Anja hinter mir, die erst jetzt gesehen hatte, was hier soeben passiert war.
Wie vor Schreck stand ich einfach nur da und sah auf die Bescherung, für die ich allein verantwortlich war. Wieso musste die Katze gerade in dem Moment aus dem Haus laufen, in dem ich die Haustür wütend zuschlagen musste.

Sarah begann zu weinen und wiegte ihre Katze, die sich jetzt überhaupt nicht mehr rührte, im Arm. Ich sah, dass der Mund so voller Blut war, dass die Kleine gar nicht mehr hätte atmen können.

„Tut mir leid!“, flüsterte ich geschockt und war unschlüssig, wie ich jetzt reagieren sollte. Anja nahm mir die Entscheidung ab und zog mich von dem Haus weg. Wirklich zu mir, kam ich erst am Abend, als ich in meinem Bett lag und versuchte zu rekapitulieren, was heute passiert war.

Wie genau ich nach Hause gekommen war, wusste ich schon gar nicht mehr genau. Ab der toten Katze, war alles irgendwie wie in Watte gepackt. Anja war nach Hause gefahren, sie wohnte nur ein paar Minuten von mir entfernt. Jan saß neben mir auf meinem Bett und sah mich besorgt an.

„Wir werden so Ärger bekommen!“, war der erste Satz, den ich seit eben sagte.

Jan nickte einfach nur, dann fragte er mich noch, ob ich klar kommen würde und verließ den Raum. Ich lag noch bis halb eins wach, bevor ich einschlief und eine Stunde später aus einem Albtraum hochschreckte, in dem es um Katzen und Haustüren ging. Ich hielt es noch ein paar Minuten allein aus, dann nahm ich meine Decke und verließ mein Zimmer. Über den Flur, betrat ich das Zimmer von Jan, der scheinbar ruhig in seinem Bett schlief.

Das letzte Mal, dass ich mich zu meinem Bruder ins Bett gelegt hatte war schon Jahre her. Etwas unentschlossen sah ich mich weiter im Zimmer um, aber es war so dunkel, dass ich kaum etwas erkennen konnte. Dann bewegte er sich plötzlich und fragte leise: „Lisa?“

„Ja …“, antwortete ich monoton.

Mein Bruder setzte sich im Bett auf und schaltete die Nachttischlampe ein: „Was ist los?“

„Kann nicht schlafen … hatte einen bösen Traum.“

Jan rückte ganz an die Wand und zog auch die Decke mit sich, so dass neben ihm ein großer Teil der Matratze zu sehen war. Ich nahm die Einladung an und setzte mich neben ihn, deckte mich zu und knipste das Nachtlicht wieder aus.

„Willst du darüber reden?“, fragte er schließlich in der Dunkelheit.

„Nein … “, antwortete ich flüsternd.

Dann schwiegen wir beide und irgendwann schlief er wieder ein. Angst hatte ich jetzt keine mehr, fühlte mich eigentlich recht sicher bei meinem Bruder im Bett. Ich drehte ihm den Rücken zu und schlief dann ein paar Minuten später auch wieder ein.

Als ich erwachte, spürte ich sofort, dass irgendwas anders war als sonst. Erst als ich die Augen öffnete, merkte ich, dass ich ja im Zimmer von Jan lag. Meine Bettdecke lag auf dem Boden und ich hatte mich wohl mit unter die von Jan gelegt – oder er hatte mich irgendwann zugedeckt, nachdem ich mir meine eigene Bettdecke weggestrampelt hatte.

Das seltsame Gefühl, was ich beim Aufwachen nicht direkt deuten konnte, war die Nähe zu einem anderen Menschen. Das letzte Mal, dass ich zusammen mit jemand anderem im Bett lag, war schon lange her. Ich musste zugeben, dass es schön war. Würde es sich so anfühlen wenn ich neben Leo aufwachen würde. Vermutlich, denn Jan hatte sich regelrecht an mich geschmiegt. Er lag direkt bei mir auf der Seite und seine Füße berührten meine. Außerdem drückte sein Handgelenk irgendwo auf Hüfthöhe unangenehm in meine Seite.

Ohne darüber nachzudenken griff ich unter der Decke zu, um seine Hand woanders hinzulegen. Zu spät begriff ich, dass das harte Ding unter dem Stoff, nicht sein Handgelenk war. Sofort war ich hellwach und zog meine Hand schnell wieder weg. Jan seufzte kurz im Schlaf und setzte ein Lächeln auf. Zuerst lief ich knallrot an, dann wurde mir aber klar, dass er immer noch schlief.

Ich rückte ein wenig von ihm weg, verstand nicht, warum er … weshalb sein Ding steif war. Wegen mir? Oder träumte er vielleicht von Anja? Ich schüttelte mich und wollte schnell aus dem Bett rutschen, als Jan plötzlich seinen Arm um mich legte und mich an sich zog.

„Morgen Süße!“, flüstere er und gab mir einen Kuss auf die Wange. Seine Hand wanderte unter mein T-Shirt über meinen Bauch. Weiter kam sie nicht mehr, denn sofort riss ich mich los und schrie entsetzt auf: „Hey … bist du bescheuert?“

Jan riss die Augen auf und starrte mich erschrockener an als ich ihn: „Fuck! Sorry! Ich dachte … du … also … “

Ich rutschte vom Bett runter und kam auf die Knie: „Du dachtest ich wäre Anja?“

Jan sah mich bestürzt an, dann nickte er. Ich schüttelte angewidert den Kopf: „Seit ihr schon so weit? Also wart ihr schon im Bett zusammen?“

Jan blickte mich ernst an: „NEIN! Ich … hab geträumt … von ihr … mehr nicht. Ich hab gedacht, sie würde neben mir liegen. Sorry, es war nur ein Traum…“
Dann setzte er sich auf und stieg ebenfalls aus dem Bett: „Geht’s dir gut?“

„Ja, aber du hättest mich fast angetatscht … ist dir das klar?“, fragte ich ärgerlich.

Meinem Bruder war es anscheinend extrem peinlich was hier eben passiert war, denn er zog mich schnell auf die Beine und entschuldigte sich nochmals: „Tut mir echt leid. Ich bin es einfach nicht mehr gewohnt, dass du neben mir schläfst.“

„Schon gut …“, setzte ich an und bückte mich um meine Decke aufzuheben. Dabei sah ich, dass sein ‚Handgelenk‘ immer noch da war. Ich zögerte einen Augenblick, so dass Jan ebenfalls guckte und dann erschrocken wieder ins Bett sprang. Nun war er es, der knallrot anlief und sich seine eigene Bettdecke schnell über die Pyjamahose zog.

Ich warf ihm noch einen irritierten Blick zu, dann verließ ich den Raum einfach. Das war definitiv das letzte Mal, dass ich mit meinem Bruder in einem Bett schlafen würde – dachte ich damals zumindest.

Erst als ich in mein Zimmer kam und mein Bett sah, wurde mir überhaupt erst wieder bewusst, warum ich mein Zimmer in der Nacht verlassen hatte. Die Katze! Oh man!

Zum Glück war es schon so spät, dass ich kaum Zeit hatte mir darüber Gedanken zu machen. Ich ging schnell ins Bad und duschte mich ab, dann machte ich mich frisch und zog mich an. Zum Glück war heute schon Freitag, so dass das Wochenende schon zum Greifen nah war. Jan sah ich den Morgen nicht mehr. Er würde vermutlich erst gegen 12 oder so aus dem Bett fallen. Semesterferien waren schon was Geiles! Allein dafür lohnte es sich ein Studium anzufangen.

An unserer Kreuzung traf ich Anja, die schon auf mich wartete. Natürlich war das Thema, welches den Schulweg bestimmte, Sarah und ihre Katze. Uns war klar, dass wir echt Mist gebaut hatten. Vermutlich würden wir das noch bezahlen müssen. Sarah war offiziell die Petze der Schule. An ihrer Stelle würde ich vermutlich auch meinen Eltern sagen, was genau passiert war. Hoffentlich sagte sie nicht, dass ich es mit Absicht gemacht hatte, denn das stimmte nicht. Aber vielleicht ging sie davon aus, weil, nett war unsere Verabschiedung ja nicht gerade.

Auf dem Weg in die Klasse merkte ich, wie mir mein Arsch auf Grundeis ging. Als wir dann den Unterrichtsraum betraten, fiel mir fast ein Stein vom Herzen, als ich sah, dass Sarahs Platz leer war.

Den anderen fiel das ebenfalls sofort auf, denn Sarah fehlte nie … niemals. Selbst mit einer Bronchitis hatte sie sich im Winter zur Schule geschleppt. Aber mir war schon klar, warum sie nicht hier war. Entweder war sie jetzt gerade mit ihren Eltern beim Direktor, oder aber die war – was ich hoffte – einfach nur zu Hause geblieben, weil sie die Mörderin ihrer Katze nicht sehen wollte.

Dass dies alles nicht stimmte, wurde offensichtlich, als Sarah zehn Minuten später den Klassenraum betrat und sich wortlos hinsetzte. Unsere Deutschlehrerin unterbrach ihren Vortrag augenblicklich und starrte Sarah besorgt an. Abgesehen davon, dass Sarah auch niemals zu spät gekommen war, sah sie völlig fertig aus.

Ihre Haare waren nicht gekämmt, sie trug eine verknitterte Bluse und sie sah aus, als hätte sie bis gerade noch geheult. Ich brachte es nicht fertig sie weiter anzusehen und ein Dampfhammer mit der Aufschrift ‚Lisas schlechtes Gewissen‘ erschlug mich regelrecht.

Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Anja ebenfalls angespannt auf ihrem Stuhl saß und mit den Beinen hin und her wippte.

„Mir geht’s gut Frau Resch … ich hab nur … schlecht geschlafen.“

„Sicher, Sarah?“, fragte unsere Deutschlehrerin zurück, doch Sarah antwortete nicht mehr. Daraufhin begann sie zögernd wieder mit dem Unterricht und irgendwann hatten scheinbar alle bis auf mich, die seltsame Situation um Sarah vergessen.

Kurz vor der Pause drehte ich mich dann doch mal um und schaute zu ihr. Unsere Blicke trafen sich sofort und ich erschrak mich, bei ihrem Anblick. Sie sah wirklich schlimm aus. Außerdem schien sie nicht gerade erst geguckt zu haben, sondern sah wohl schon länger zu mir. Ich setzte einen entschuldigenden Blick auf, doch Sarah schien dies gar nicht wahrzunehmen. Sie starrte mich einfach nur mit leeren Augen an, bis ich mich wieder umdrehte. Ein eiskalter Schauer jagte mir über den Rücken und ich fasste den Entschluss, das alles irgendwie wieder gut zu machen, wenn das überhaupt möglich war.

Keine Ahnung ob Sarah überhaupt irgendwelche Freunde hatte, aber ihre Katze war ihr wohl das Wichtigste auf der Welt gewesen. Wie schon gesagt, hatte sie nur Fotos von ihr im Internet hochgeladen. Das ging sogar soweit, dass einige Schüler ihr den Spitznamen, ‚verrückte Katzen Lady‘ gegeben hatten. Kam wohl von den Simpsons aus dem Fernsehen.

Freilich hatte sie nur eine Katze gehabt und selbst die gab es jetzt nicht mehr.

In der ersten Pause redete ich mit Anja darüber, wie ich das wieder gut machen konnte. Anja aber schüttelte nur den Kopf: „Vergiss es … es war ein Unfall und eigentlich fühlt es sich echt gut an, sie so zu sehen. Endlich weiß sie mal wie es sich anfühlt, wenn einem was Fieses passiert. Vielleicht denkt sie dann in Zukunft mal nach, bevor sie jemand anderen in die Scheiße reitet.“

Ich nickte zwar, trotzdem stimmte ich nicht mit Anja überein. Ich sah mich im Pausenhof um und fand Sarah an einer Wand gelehnt – natürlich allein. Sie hatte mich vermutlich wieder beobachtet, denn sie starrte bereits zu mir, als ich sie sah. Langsam wurde sie mir echt unheimlich. Hoffentlich hatte ich nicht bald ein Messer im Rücken stecken.

Kurzentschlossen ging ich zu ihr. Sie spannte sich unmerklich an und auch mir ging es nicht gut dabei: „Hallo …“

Sie antwortete nicht, starrte mich einfach nur ausdruckslos an.

„Ich … also … wegen gestern … deiner Katze … das .. tut mir echt unglaublich leid“, erklärte ich unsicher.

„Kater“, antwortete sie.

Ich nickte und steckte die Hände in die Hosentaschen und verlagerte mein Gewicht von einem Bein aufs andere: „Also … wenn du magst … dann gehen wir heute zusammen in die Stadt und kaufen dir eine neue, ja?“

„Eine neue kaufen?“, fragte Sarah mit einer Stimme die sich leicht überschlug.

Ich biss mir fast die Zunge ab … das war wirklich eine so herzlose Entschuldigung, dass ich ihre Reaktion sogar verstehen konnte.

„Ich meinte eigentlich … dass ich es irgendwie wieder gut machen will, wenn du mich lässt.“

Sarah, die kurz zu Boden gesehen hatte, hob ruckartig den Kopf und sah mich mit zusammengepressten Augenlidern an: „Du willst es gut machen?“

„Ja natürlich!“, erklärte ich schnell.

Sarah nickte, dann wandte sie sich um und ging langsam Richtung Klassenräume los. Ich schloss zu ihr auf: „Hast du deinen Eltern gesagt, dass ich das war?“

Sarah schüttelte den Kopf: „Ich hab es niemandem gesagt, und du wirst es auch nicht tun, klar?“

„Klar!“

Sarah blieb stehen und sah mich ernst an: „Hör mir genau zu. Ich meine das todernst. Ich habe meiner kleinen Schwester gesagt, dass Löwenherz abgehauen ist. Dass er seine Familie besuchen geht und er noch nicht weiß, wann er wieder zurückkommen wird. Ich hab ihn einfach im Garten vergraben. Also kein Wort zu irgendwem. Es würde meiner Schwester das Herz brechen, wenn sie die Wahrheit erfahren würde.“

Ich nickte heftig: „Ich sag nichts… ich sag auch Anja, dass sie mit niemandem drüber redet. Danke, dass du es nicht deinen Eltern gesagt hast.“

Sarah verzog das Gesicht und starrte mich zornig an: „Das … habe ich nicht wegen euch getan, sondern nur wegen Kimmy.“ Dann ließ sie mich einfach stehen und ging fort. Langsam ging ich wieder zu Anja und erzählte ihr, dass wir nichts zu befürchten hätten und alles soweit gut war. Auch, warum Sarah das nicht an die große Glocke hängen wollte, erklärte ich ihr.

An diesem Tag redete ich kein Wort mehr mit Sarah. Wir waren ja auch so keine Freunde und alles was mich mit ihr verband, war unsere Schule und dass ich ihre Katze … ähhh Kater auf dem Gewissen hatte.

Eigentlich wollten wir heute nach Münster fahren und dort über den Wochenmarkt gehen, aber irgendwie war mir nicht danach. Anja machte das nichts aus, sie war scheinbar ganz froh, als ich fragte, ob wir nicht auch was anderes machen könnten.

Nach der Schule fuhren wir also zusammen zu mir nach Hause und machten uns ein leckeres Mittagessen. Während ich mit ihr zusammen nachsah, was wir noch im Haus hatten, ertappte ich mich dabei, dass ich hin und wieder auf ihre Lippen schaute.

Irgendwann fragte ich einfach: „Glaubst du, ich finde bald auch mal jemanden, mit dem ich glücklich werde?“

Anja lachte auf, dann verstrubelte sie mir mit einer Hand meine Haare: „Na klar! Du bist doch hübsch. Wenn du es einmal versuchen würdest, dann würdest du schneller einen Freund haben, als dass du den Satz sagen könntest.“

Ich nickte und strich mir meine Haare wieder glatt und fragte leise: „Leo?“

Anja stockte nur einen kurzen Augenblick, dann lächelte sie mich unglücklich an: „Ich glaube Leon ist zu blöd um zu begreifen, was er an dir hätte.“

Das war nur eine höfliche Umschreibung von Anja, um mir zu sagen, dass wir nicht in derselben Liga spielten. Ich lächelte bitter zurück und beschäftigte mich weiter mit dem Zusammenstellen der Zutaten.

Als wir das Essen schon fast fertig hatten, kam mein Vater nach Hause. Über ihn erzähle ich später noch mehr, denn eigentlich ist er für diesen Teil meiner Geschichte nicht so wichtig. Bedeutend war nur, dass ich ihn abgöttisch liebte. Nachdem meine Mama damals von uns ging, war er mein einziger Anhaltspunkt gewesen. Natürlich auch der von meinem Bruder.

Jan war mal wieder irgendwo unterwegs. Als Papa fragte ob ich wüsste wo er war, schüttelte ich den Kopf und zu meiner Überraschung antwortete Anja: „Er ist noch bei einem Freund und kommt gegen sieben nach Hause.“

Verdutzt sah ich Anja an und sie zuckte grinsend mit den Schultern. Mir war schon klar, woher sie wusste, wo Jan war. Immerhin schaute sie alle paar Minuten auf ihr Handy. Als wir uns in mein Zimmer verdrückten, und sie immer noch alle paar Minuten ihr Handy prüfte, wurde es mir zu blöd: „Bist du eigentlich wegen mir hier, oder wartest du nur auf meinen Bruder?“

Anja sah vom Display auf, fühlte sich offenbar ertappt: „Also … klar bin ich wegen dir hier, aber … ich kann doch mal rüber gehen wenn er kommt, oder?“

Ich schnaufte leise und blickte Anja leicht verärgert an. Diese legte das Handy demonstrativ von sich weg und drehte sich ganz zu mir, versuchte das Thema zu wechseln: „Willst du das mit der Katze immer noch gut machen?“

„Kater.“

„Hä?“

„Es war keine Katze, sondern ein Kater und er hieß Löwenherz“, erklärte ich knapp und Anja sah mich an als hätte ich einen an der Klatsche. Bevor ich gleich wieder schlechte Laune bekam und weil ich auch sonst keine Lust hatte mich über tote Kater zu unterhalten, wechselte ich selbst das Thema. Da mir nichts Besseres einfiel sagte ich: „Jan hat heute Nacht von dir geträumt.“

„Wirklich?“, fragte Anja erfreut.

Ich verzog das Gesicht ein wenig: „Oh ja …“

„Erzähl!“

Sofort bereute ich, dass ich diesen Punkt angesprochen hatte. Ich wollte Anja sicher nicht erzählen, dass ich heute Morgen von Jans steifem Penis geweckt worden war. Ganz zu schweigen davon, dass ich danach gegriffen hatte, weil ich dachte das harte Ding wäre seine Hand gewesen.

„Okay … den Gesichtsausdruck kenne ich … erzähl mir alles! Hat er was gesagt? Habt ihr über mich geredet?“, fragte Anja sofort.

Ich schüttelte den Kopf: „Nein, wir haben nicht über dich geredet … “

Enttäuscht sah mich Anja an, dann flehte sie: „Aber … irgendwas muss er gesagt haben. Ich weiß, dass du das seltsam findest, weil es ja dein Bruder ist, aber bitte, bitte, bitte sag es mir.“

„Ich … oh man! Das ist voll peinlich Anja … ich …“

„Erzähl schon!“, forderte sie mich auf und nachdem ich noch ein paar Sekunden herumdruckste, erzählte ich ihr von dem Albtraum. Dass ich zu Jan ins Bett gestiegen bin und wie wir am nächsten Morgen erwachten. Den Zwischenfall mit dem ‚Handgelenk‘ ließ ich einfach mal weg, erzählte aber, dass er mir unter mein Pyjamaoberteil gehen wollte, weil er im Halbschlaf dachte, dass ich sie wäre.

Anja war überhaupt nicht geschockt. Im Gegenteil schien sie sich zu freuen. Sie klatschte sogar in die Hände und setzte ein breites Grinsen auf: „Echt … er wäre mir unters T-Shirt gegangen?“

„Boah Anja! Kein Wort mehr. Das ist echt ekelhaft. Allein bei der Vorstellung muss ich kotzen!“, stellte ich angewidert fest.

Anja grinste immer noch als sie sich zu mir beugte und flüsterte: „Finde dich besser damit ab. Dabei wird es sicher nicht bleiben. Dein Vetorecht hast du nicht genutzt, also …“

Ich drehte den Kopf weg und stöhnte resigniert auf. Natürlich würden die beiden irgendwann mal zusammen schlafen, aber …das konnte ruhig noch ein oder zwei Jahre warten, wenn es nach mir ging.

„Ihr müsst es ja nicht direkt übertreiben, oder?“

„Neeee, machen wir nicht. Wir wollen uns da Zeit lassen … “, erklärte Anja ernst und fügte dann grinsend hinzu: „ … mindestens heute noch.“

„Okay …jetzt reicht es, Anja. Ich gönn euch das ja, wenn ihr das wirklich wollt, aber ich verstehe nicht, wie du überhaupt so was für ihn empfinden kannst. Nicht nach all der Zeit wo ihr euch am liebsten an die Gurgel gegangen wärt.“

Anja seufzte leise, dann nickte sie und sagte wieder ernster: „Ja, sorry. Ich übertreibe mal wieder. Aber ich … hab ihn echt lieb. Das … kam einfach so. Ich kann es weder erklären, noch mich dagegen wehren.“

Ich nickte und fragte dann: „Aber … wenn er gleich kommt, dann lässt du mich nicht den Rest des Abends hier sitzen, oder?“

Anja schüttelte sofort den Kopf: „Nein … ich geh nur mal schnell rüber, dann komm ich sofort wieder.“

Tatsächlich verschwand Anja nur für ein paar Minuten in Jans Zimmer und war dann gleich darauf wieder bei mir. Zusammen schauten wir noch fern und redeten doch noch einmal über Sarah und die Katze … ähhh Kater. Hätte ich auch nur im Ansatz geahnt, dass dieser Kater nicht mehr vergraben im Garten lag und was sich daraus für uns alle für Konsequenzen ergaben … ich hätte schon jetzt keine ruhige Minute mehr gehabt.

So saß ich aber entspannt vor meinem Bett und sah mit Anja zum gefühlten zwanzigsten Mal zu, wie Heath Ledger in ‚10 things i hate about you‘ den Song ‚i love you baby‘ zum Besten gab. Toller Film, toller Schauspieler … aber leider gestorben. Aber wenigstens blieb der tot.

Als der Film endete, sah Anja plötzlich zu mir und fragte: „Du … kann ich heute hier schlafen?“

Irritiert sah ich sie an. Das war so wie dieser Kuss. Für Außenstehende völlig normal, aber Anja hatte nur ein paar Mal bei uns übernachtet, als ihr Vater damals eine schwere Lungenentzündung hatte und sie hier eine Woche gewohnt hatte. Damals hatten wir aber ein Gästebett bei mir im Zimmer aufgestellt. Wie gesagt fand ich den Gedanken mir mit ihr ein Bett zu teilen irgendwie seltsam. Ich meine … sie war meine beste Freundin, aber selbst ihr war ich nie körperlich nah gekommen. Das war ich nicht gewohnt.

„Also … eher nicht?“, fragte sie zögernd.

„Weiß nicht … wieso willst du nicht nach Hause?“, stellte ich die Gegenfrage.

„Hab n bisschen Stress …“, erklärte sie kurz angebunden.

Ich dachte kurz nach, dann fand ich es aber echt beschissen von mir, dass ich sie nicht hier schlafen lassen wollte. Also nickte ich und erklärte: „Ja, aber ich hab nur eine Decke. Ich kann dir nur die Decke von unten holen, das ist aber eine Winterdecke.“

Anja nickte mir zu, dann nahm sie sich ihre Schultasche und zog ein T-Shirt und eine kurze Stoffhose hervor.

„Du hattest schon heute Morgen vor hier zu schlafen, oder?“

„Schlimm?“

„Was ist denn los bei dir zu Hause?“, fragte ich.

„Wegen der Mathearbeit. Herr Köster hat meine Eltern angerufen. Kannst du dir doch denken wie die jetzt abgehen, oder?“

„Ach du Kacke? Bist du deshalb so sauer auf Sarah?“

Anja sah mich verwundert an: „Wie kann man denn nicht sauer auf Sarah sein? Aber ja, deshalb ganz besonders. Vater hat mir angedroht, dass ich so lange Stubenarrest haben werde, bis ich wieder auf einer drei in Mathe bin.“

„Oh je…“, kommentierte ich, als Anja aus ihrer Schultasche noch Zahnbürste und frische Unterwäsche holte.

„Wie lange willst du noch mal hier einziehen?“, fragte ich gespielt übertrieben und Anja rempelte mich beim Verlassen meines Zimmers extra leicht an. Ich nutzte die Zeit die sie im Bad brauchte um schnell mein Bett umzudekorieren. Die drei Stofftiere flogen in den Schrank, ein kurzer Blick auf das Laken, ob das auch sauber war. Dann schüttelte ich schnell die Bettdecke aus und legte sie sauber hin. Mein Bett war 1,20 breit, so dass dort zwei Personen schlafen konnten. Aber sich dann auszustrecken war praktisch unmöglich.

Dann holte ich die dicke Decke von unten und legte sie neben meiner eigenen auf das Bett. Schließlich ging ich zu Anja ins Bad. Als ich eintrat stand sie mit meinem Bruder vor dem Waschbecken – innig umarmt und seine Zunge in ihrem Hals.

„Baaaaahhhhh!“

Beide sprangen auseinander und während Jan an mir vorbei aus dem Bad ging, zog sich Anja ihr oranges T-Shirt wieder richtig. Ich fragte lieber nicht, wann sie die Sachen angezogen hatte. Ich hoffte einfach, dass sie es getan hatte bevor Jan ins Bad gekommen war.

„Cool bleiben … das war nur ein gute Nacht Kuss…“

Ich lächelte verkniffen: „Dann verzichte ich gerne auf meinen!“

Anja – wie schon erwähnt nur in einem kurzen Schlafoutfit – legte ihre Kleidung zusammen und kam dann zu mir. Dann nahm sie mich einfach in den Arm und drückte mich fest: „Ich bin so froh, dass ich dich hab!“

Dann ging sie ebenfalls aus dem Bad und ich machte mich gedankenverloren bettfertig.

Als ich in mein Zimmer kam, lag Anja schon im Bett. Ich stieg über sie und zog meine Decke über mich. Dann redeten wir noch bestimmt eine Stunde, was ich echt cool fand. Es war eine ganz andere Atmosphäre im Dunkeln miteinander zu quatschen. Wir redeten aber weder über Sarah, noch über Jan. Schließlich wurde ich doch ganz schön müde und schlief schließlich ein.

Ich hatte auch schon sonst einen sehr leichten Schlaf, daher wachte ich sofort auf, als ich merkte, wie sich das Bett bewegte. Die Matratze wackelte kurz, dann war es wieder ruhig. Sehen konnte ich nichts, aber ich hörte wie Anja langsam durch mein Zimmer schlich. Dann öffnete sich die Zimmertür und schloss sich leise wieder.

Vermutlich musste sie etwas trinken, oder mal aufs Klo. Ich drehte mich also wieder um und schlief schnell wieder ein. Ich erwachte ein paar Minuten später wieder und mir wurde klar, wie naiv ich eigentlich war. Anja lag nicht neben mir im Bett.

Ich überlegte einen Moment, ob ich ihr jetzt, oder morgen sagen sollte, dass ich das total blöd fand. Stimmte es überhaupt, dass sie Stress zu Hause hatte, oder war das und somit gleichzeitig ich selbst, nur ein Alibi für ihre Eltern, dass sie die Nacht mit meinem Bruder verbringen konnte.

Aber … vielleicht hatte sie einfach nur Bauchweh und war gar nicht bei Jan. Ich könnte ihr das unmöglich morgen vorwerfen, wenn ich es nicht wüsste. Aber wollte ich das wissen?

Ich wälzte mich noch ein paar Minuten unruhig im Bett herum, dann stand ich auf und verließ so leise ich konnte mein Zimmer. Die paar Meter über den Flur zum Zimmer meines Bruders war ich noch vorsichtiger. Ich blickte in der Dunkelheit zum Badezimmer am Ende des Flures. Da war kein Licht an. Eine Sekunde später war mir klar, dass ich Anja dort auch nicht gefunden hätte. Ein Seufzen, eindeutig von Anja, war deutlich hinter der Zimmertür zu hören.

Ich ballte kurz die Fäuste. Also hatte mich Anja nur belogen um bei meinem Bruder zu sein. Das war echt ätzend. Wobei … vielleicht hatte sie gar nicht gelogen. Vermutlich hatte sie tatsächlich Stress zu Hause, aber selbst wenn … das Motiv war definitiv nur vorgeschoben gewesen.

Wieder ein Laut von Anja … diesmal eindeutig … intensiver. Ich wandte mich von der Tür ab, ging aber nicht fort. Sofort mahnte ich mich selber, dass ich besser hier verschwinden sollte. Aber irgendwas hielt mich … irgendwas ließ mich verharren.

Diesmal war es eindeutig ein lustvolles Stöhnen von Anja. Sowas hatte ich noch nie von ihr gehört. Es war befremdlich und irgendwie … aufregend zugleich.

Ich drehte mich wieder zur Tür und hielt den Atem an.

Ein leises „Mmmmhhhhhhhmmmmm“, konnte ich nun von ihr vernehmen. Von meinem Bruder hörte ich gar nichts. Ich war mir auch nicht sicher wie ich darauf reagiert hätte. Vorstellen wollte ich es mir irgendwie nicht.

Während ich die nächsten Sekunden nun auch mein Ohr an die Tür drückte, hörte ich Anja nun noch deutlicher. Es war nicht wirklich ein Stöhnen, aber auch mehr als schweres Atmen. Schliefen die beiden etwa gerade zusammen? Ich konnte mir das nicht vorstellen.

Langsam legte ich meine Hand auf die Türklinke, aber bevor ich mich fragen konnte, was ich vorhatte, wurden Anjas Laute wieder durchdringender und schneller. Dann stöhnte sie einmal richtig laut auf, bevor wieder Stille herrschte.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich leicht begonnen hatte zu zittern. Angestrengt lauschte ich weiter, aber erst nach einer Minute hörte ich eine leise Stimme fragen: „Gehst du jetzt schon?“

„Ja … ich will nicht, dass Lisa merkt, dass ich bei dir war. Sie findet das eh schon schräg genug. Besser wir machen es nicht noch komplizierter … noch nicht sofort.“

„Aber ich würde gerne, dass du hier bleibst … du kannst doch morgen ganz früh gehen.“

Anja antwortete locker lachend: „Klar … ich würde ja gerne bleiben … aber ganz ehrlich … Lisa ist mir wichtig … ihre Freundschaft ist mir wichtiger als das hier.“

Das hatte gesessen, denn darauf sagte Jan nichts mehr. Anja war direkt und ehrlich. Zumindest war das so seitdem ich sie kannte. Ich glaubte jetzt auch irgendwie nicht mehr, dass das hier alles geplant gewesen sein sollte. Vermutlich war es einfach eine spontane Aktion gewesen. Wichtig war doch nur, dass ich ihr wichtiger war … als ‚das hier‘.

Mich freute das total und ich lächelte in der Dunkelheit vor mich hin.

Dann erklang Anjas Stimme wieder: „Hey … ich hab dich lieb … aber ich kenne deine Schwester schon Ewigkeiten. Ist doch klar, dass sie mir mehr bedeutet als du. Das ist doch alles noch so neu für mich. Bitte sei nicht eingeschnappt. Ich fand das gerade unglaublich gut… so was macht Lisa sicher nicht bei mir … also wirst du auf lange Sicht einen Vorteil haben.“

Jan kicherte vergnügt und ich begriff plötzlich, dass sich Anjas Schritte der Tür näherten: „Also bis morgen … hab dich lieb!“

„Ich dich auch!“, entgegnete Jan, was ich schon kaum noch hörte, weil ich schon über den Flur zurück in mein Zimmer schlich. Als ich leise die Tür in meinem Zimmer schloss, hörte ich wie die Tür von Jan geöffnet wurde. Ich sprang gerade noch ins Bett und deckte mich zu, als meine Zimmertür geöffnet wurde.

Leise schloss Anja diese wieder und legte sich neben mir ins Bett. Dann lag sie einfach still da und atmete ganz ruhig. Nach ein paar Sekunden legte sich ihre Hand auf meine Schulter und schüttelte mich ganz vorsichtig einmal: „Lisa? Bist du wach?“

Ich reagierte nicht, stellte mich schlafend.

„Lisa?“, fragte mich Anja nochmals.

Wieder reagierte ich nicht. Ich wollte nicht, dass sie dachte ich hätte irgendwas von eben mitbekommen.

Dann hörte ich wie eine Bettdecke vom Bett fiel, dann wurde meine angehoben und dann spürte ich Anjas Körper an meinem Rücken: „Lisa?“

Ich raunte ein verschlafenes: „Hmmmm … was nhh?“, so gut ich konnte.

Anja nahm mich in den Arm, dann spürte ich ihre warmen Lippen an meinem Nacken als sie mich küsste. Das war wie ein elektrischer Schlag, dessen Auswirkungen ich nur mit Mühe verbergen konnte.

Sie kuschelte sich an mich und flüsterte: „Du bist mir unglaublich wichtig, Süße! Das weißt du, oder?“

Ich war nicht in der Lage zu antworten. Anja so nah an mir zu spüren, war mehr als seltsam. Ihr Kuss … der zweite innerhalb von zwei Tagen. Was sollte das? Ich räusperte mich, dann drehte ich mich zu ihr um, schaffte aber gleichzeitig Platz zwischen uns und fragte: „Was ist los? Wieso benutzt du meine Decke?“

„Meine ist zu warm … deine ist angenehmer“, erklärte sie und fragte gleich darauf: „Hast du gehört was ich gesagt habe?“

„Ja … danke“, antwortete ich.

Anja lachte leise auf: „Bitte!“

Dann lagen wir still nebeneinander und ich lauschte ihrem Atem, bis sie irgendwann fragte: „Willst du die Decke wieder für dich allein? Dir ist das unangenehm, oder?“

Ich dachte so lange darüber nach, bis Anja von selbst von mir wegrutschte und wohl ihre Decke vom Boden wieder ins Bett zog. Ich fasste sie spontan am Arm und zog sie wieder zu mir. Natürlich schaffte ich es nicht mit einer Hand, aber sie ließ die Decke wieder los und legte sich wieder neben mich.

Wortlos streichelte sie mir über die Haare, dann schliefen wir irgendwann nebeneinander ein.

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